BLADE RUNNER [2049] – Faszinierend | Epochal | Philosophisch

oder: Kritik von »Blade Runner 2049« im Vergleich mit »Blade Runner« und »Star Wars«

»Blade Runner« prägte das Genre des Science Fiction wie nur wenige andere Filme. Meine Faszination für diesen Film ist ungebrochen.
Das Sequel zu diesem Meisterwerk ist seit Anfang Oktober in den deutschen Kinos. Vorweg kann ich schon einmal ankündigen, dass es sehr viel über diesen Film zu sagen gibt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, versuche aber, euch die Komplexität dieses Werkes in dieser Kritik ein Stück näherzubringen.
Ich bin ein leidenschaftlicher Star Wars – Fan. Auf Episode VII, »Das Erwachen der Macht« war ich gespannt wie auf keinen anderen Film zuvor, mit Herzklopfen erwartete ich im vollen Kino das berühmte Star Wars – Intro. Etwas mehr als zwei Stunden später ging ich mit gemischten Gefühlen aus dem Saal. Als mir klar wurde, wie enttäuscht ich wirklich war, verblich in gewisser Hinsicht ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Natürlich bin ich weiterhin ein treuer Anhänger, »Rogue One«, den zweiten »neuen« Ableger habe ich mir bisher aber noch nicht angesehen. Erst schaue ich mir »Das Erwachen der Macht« noch einmal im Original an, hoffentlich macht es das besser. Warum ich auch immer die synchronisierte Fassung sehen musste…
Und derzeit sieht es ja auch danach aus, dass »Episode VIII« wie in der alten Trilogie schon »Episode V« düsterer und philosophischer als sein Vorgänger wird. Dass das erst jetzt geschieht, mag an den verschiedenen Ausgangsvoraussetzungen beider Sci-Fi – Großwerke liegen.

Schon in meiner Kritik zu »T2 Trainspotting« (Link: http://filmblog.berlin/2017/05/02/t2-trainspotting-so-geht-sequel/#more-87) erwähnte ich Star Wars. Vermutlich verarbeite ich immer noch mein Trauma. Warum ich den Exkurs bzw. den Vergleich dennoch besonders gerne in diesem Fall wähle, habe ich eben schon angedeutet und werde ich am Ende dieser Kritik näher erläutern. Zuerst möchte ich euch aber »Blade Runner 2049« näher vorstellen.

Natürlich gibt es immer gewisse Dinge, die Sequels beachten müssen. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Nostalgie, eine mit dem Vorgänger verbundene Handlung, Ästhetik und insbesondere Atmosphäre, aber auch eine gewisse Eigenständigkeit.
Die Erwartungen bei »T2 Trainspotting« waren hoch, bei Star Wars um ein Vielfaches höher, Blade Runner befindet sich wohl irgendwo in der oberen Mitte.

Ridley Scott wählte einen der wenigen Regisseure, der fähig war, »Blade Runner« fortzusetzen und einen Hauptdarsteller, der sich nicht besser in Scotts und nun auch Villeneuves Universum hätte einfügen können.

Denis Villeneuve machte mit »Blade Runner 2049« das, was in vielerlei Hinsicht aus »Star Wars: The Force Awakens« hätte werden sollen:
Einen ernsten, düsteren und philosophischen Film.
Doch machten er und Hampton Fancher, der hauptverantwortliche Drehbuchautor für den ursprünglichen Film, der in Kooperation mit Michael Green arbeitete, etwas noch Herausragenderes als nur ein gutes Sequel.
Sie verbanden beide Filme inhaltlich und ideell, kreirten aber dennoch ihre eigene Vision. In »Blade Runner 2049« sind nun mal 30 Jahre vergangen, das spürt und das sieht man. Denn »Blade Runner 2049« ist nicht nur kreativ und intelligent, sondern auch innovativ. Das bedeutet, dass wir nicht nur aufgefrischte und modernisierte Ideen geliefert bekommen, sondern völlig neue visuell so noch nicht dargestellte bzw. in einer solchen Intensität noch nicht spürbare Konzepte über das Leben in der Zukunft erleben dürfen. Dazu kommt ein sanfter und eleganter, aber nicht weniger bedeutsamer »Twist« eines sehr klaren Drehbuchs, dass sich trotz der 163 Minuten Spiellänge stets auf das Wesentliche konzentriert.

Der visuelle Fokus im neuen »Blade Runner« liegt eher auf Makro- statt auf Detailaufnahmen, wie das im Vorgänger der Fall war.
Im Original ist die Welt dreckig und überfüllt, das Leben auf der Erde ist selbst für die Privilegierten hart, sie leben einsam und zurückgezogen.
Das ist im neuen Teil zwar immer noch so, doch stellt Villeneuve die psychische Enge vermehrt physischer Größe entgegen.
Der direkte Kontakt mit Regen und Dreck steht nicht mehr so stark im Vordergrund.
Die Luft ist verseucht, die alles umfassende Präsenz von Stein und Beton nimmt man noch viel stärker wahr. Es entsteht also eher ein Eindruck der einklemmenden Größe. Ein Parkplatz anstelle des Rasens in einem Fußballstadion würde einengen, denn Natur versprüht Freiheit.

Die 14. Oscarnominierung für den renommierten Kameramann Roger Deakins ist wie bereits zu erahnen war beschlossene Sache, besonders aufgefallen sind mir optisch aber die fantastische Beleuchtung und das einzigartige Production Design als Teil einer umwerfenden Bildkomposition.
Es fällt mir grundsätzlich schwer, für einzelne Aspekte des Films einen Hauptverantwortlichen zu finden, was umso mehr für das großartige Gesamtkunstwerk spricht.

Das besondere Œuvre, das Talent, die Vision Ridley Scotts machten aus »Blade Runner« ein Meisterwerk, doch was hebt Denis Villeneuve von der großartigen, kreativen Kooperation mit Genies in ihrem Fach wie Scott oder Deakins ab?

Wenn man »Arrival« gesehen hat, versteht man, mit was für einer Sensibilität Villeneuve an das Genre des Science Fiction herangeht.
Nicht, dass seine anderen Filme nicht auch feinfühlig und bedacht inszeniert sind, besonders stark ausgeprägt ist das ruhige und entschleunigte Storytelling aber bei »Arrival« gewesen.                                                                                          
»Blade Runner« ist 163 Minuten lang.
163 Minuten ausgedehnter Aufnahmen, philosophischer Monologe in shakespearschem Englisch statt Non-Stop-Fast-Cut-Action und knackigen Dialogen in eindeutiger Sprache. Arthaus in Hollywood also. Villeneuve zeigt uns zum wiederholten Male und dieses Mal im größtmöglichen Maßstab, dass das möglich ist.
Man könnte den Film an manchen Stellen langatmig nennen und normalerweise habe ich für so etwas keine Gnade.
Doch dachte ich nach dem Kinobesuch mehr über den Begriff der Spannung nach. Dieser wird inflationär und oft eindimensional verwendet. Jeder gute Film muss spannend sein. Und damit meine ich einen Heistfilm, aber auch eine Tierdoku.
Es kommt also auf die Art der Spannung an.
»Blade Runner 2049« fühlt sich, wie bereits erwähnt, wie ein nahtloser Übergang zum Original an. Die Spannung wird hier eher weniger durch das Adrenalin in den Adern und mehr durch das Staunen in den Augen erkenntlich. Und das noch viel stärker als im Original, was nicht heißen soll, dass der eine Film dem anderen gegenüber überlegen ist, doch hat die Action im Vorgänger eine wichtigere Rolle gespielt.
Das Original hat zum Ende hin einen richtigen Showdown.
Diesen hat das Sequel zwar auch, er steht für mich aber (nun einmal unabhängig vom Vorgänger) in keinem so starken Kontrast zum Rest, was in der heutigen Zeit sehr untypisch und unkonventionell ist.
Das ist alles das Ergebnis einer konsequenten Inszenierungsentscheidung.

In »Blade Runner 2049« dominiert kein klassisches Spannungselement und trotz der überaus prominenten Besetzung auch kein Darsteller.
Der Protagonist hat zwar enorm viel Screentime, wird jedoch nie als Retter oder gar als Held dargestellt. Man sympathisiert mit ihm, doch fühlt er sich nicht wie der Fels in der Brandung in einer sonst unsicheren und unvertrauenswürdigen Welt an.
Das macht ihn noch viel glaubwürdiger, man kann sich realistischer in ihn hineinversetzen.
Das liegt auch an der grandiosen Besetzung von Ryan Gosling, dessen großes Talent es ist, Charakteren wie seinem »Officer K« eine melancholische Leere einzuhauchen.
Auch Schauspiellegende Harrison Ford überzeugt abermals und spielt eine gewichtige, aber nicht aufoktroyierte Rolle.
Fasziniert war ich auch vom talentierten Jared Leto, dessen Rolle als »Niander Wallace« wie für ihn gemacht ist.
Dass er so verhältnismäßig wenig Screentime bekommt und sich trotz seiner großen Erfolge und seiner besonderen Macht zurückzieht und sich voll auf seine Berufung konzentriert, ist umso überzeugender und macht aus ihm einen Gegenpart der besonderen und nicht direkt konfrontierbaren Art.
Robin Wright´s Kühle und Härte eignet sich perfekt für ihre Rolle als Chefin der Polizei von Los Angeles, die für Ordnung und eine klare Ideologie einsteht. Dave Bautista passt ideal zum klassischen harten,
aber sentimentalen Typen, in dem mehr steckt, als er zu erkennen gibt.
Sylvia Hoeks, die Stellvertreterin von Niander Wallace spielt selbstbestimmt, Ana de Armas, Officer K´s Freundin wirkt verführerisch, aber auch künstlich. Alle Darsteller fügen sich perfekt in eine Welt ein, die größer ist als sie selbst.

Das alles macht aus »Blade Runner 2049« ein so großartiges Gesamtkunstwerk, dass sich vor seinem Vorgänger verbeugt,
sich aber auch nicht scheut, neue Ideen einzubringen.
Visuell ist der Film opulent, aber nie plakativ und übertrieben.
Der Pathos ist insgesamt sehr dezent, die Nostalgie bezieht sich nicht unbedingt auf den Vorgänger, sondern eher grundsätzlich auf Traumwelten vergangener Zeiten. In Momenten wie diesen wird einem bewusst, dass der Film nicht unbedingt die Zukunft darstellen muss, sondern als Spiegel unserer gegenwärtigen Ängste und Träume gesehen werden kann und, dass der Protagonist uns viel näher ist, als es zunächst den Anschein macht.

Die befreiende, relative sentimentale Selbstständigkeit in Bezug auf den Vorgänger und gleichzeitige Sehnsucht nach Traumwelten, aber eben auch nur Illusionen der Gesellschaft vergangener Jahrzehnte und die entschleunigte Erzählweise machen aus jenem lang ersehnten Film eines der besten Sequel, dass ich je gesehen habe, wenn nicht sogar dem besten, wenn man als Sequel keinen geplantem Zweitfilm einer Trilogie oder ähnlichem sieht. Nichts geht über »Das Imperium schlägt zurück« / »Star Wars Episode V« ;).
Relativ selbstständig, weil es natürlich sehr von seinem Vorgänger profitiert und kein Setting und keine Welt von Grund auf neu erfinden muss.

Die Kritiker bejubeln diesen Film zu Recht. Und obwohl ein »Transformers« vielleicht mehr Geld einspielen wird, werden auch die Einnahmen aus »Blade Runner 2049« locker über dem Budget liegen. Von einem Kassenflop zu sprechen, wie das manch ein Journalist derzeit vorschnell tut, ist aufgrund der den Zuschauer zum Nachdenken fast schon verpflichtenden und damit nicht klassisch massentauglichen Art dieses Film ein grober Fehler.
Hoffentlich sehen das auch die Studienbosse so und wir sehen mehr Filme dieser Art!

Nun noch einmal zurück zum Anfang dieser Kritik: »Star Wars« hätte ein Sequel á la »Blade Runner 2049« verdient gehabt, doch ging »The Force Awakens« genau den umgekehrten Weg. Das Drehbuch war vorhersehbar, die Philosophie nur in Bezug auf »die Macht« kurz erwähnt. Der Fokus lag auf der Action, auf der Ästhetik und insgesamt auf dem Feeling. Wenigstens das wurde gelungen inszeniert…
In Sachen Leichtigkeit und Humor war der Film viel zu einfach gestrickt. Doch hat »Star Wars« nie auf epischen Lichtschwertduellen und Luftschlachten beruht, das waren alles nur Katalysatoren, die nicht die wahre Größe dieses Epos’ ausmachen.

Denn in »Star Wars« geht es in Wirklichkeit um Glauben bzw. Irrglauben, Demokratie und Diktatur, Macht und Besessenheit.
Die Geschichte beruht auf einer faszinierenden Charakterstudie und einem berührenden Vater-Sohn-Konflikt, alles Themen, die im neuen Film keine Rolle zu spielen scheinen.

Dass das Sequel zu »Blade Runner« all diese Fehler nicht begehen wird, war in meinen Augen nicht unwahrscheinlich. Denn »Blade Runner 2049« hatte sehr gute Grundvoraussetzungen. Einerseits spielte Mastermind Ridley Scott beim Sequel zu »Blade Runner« eine gewichtigere Rolle, als das George Lucas noch bei »Star Wars« tut.
Die Entscheidungsgewalt eines ausführenden Produzenten ist nun mal um Welten größer als die eines »Berater«.
Jetzt mag man vielleicht denken, die verantwortlichen Produzenten bei Star Wars waren einfach zu ängstlich, womöglich jüngere Zuschauer mit zu dunklen und philosophischen Themen zu überfordern. Andererseits kann man aber auch sagen, dass sie einfach unfähiges Personal engagierten, denn die Zuschauer heutzutage sind weitaus gewaltresistenter und auch ein Achtjähriger erträgt eine vernünftige Story.
                                             
Warum nicht auch aus »Blade Runner 2049« eine neue »Episode Nummer Sicher« wurde, mag zudem an der öffentlichen Rezeption dieses Klassikers liegen. Merchandise spielt nicht wirklich eine Rolle, der Fokus lag eigentlich schon immer auf dem Inhalt. Die Erwartungen waren deshalb womöglich auch anderer Art. Wer weiß, vielleicht gab es ja jemanden, der aus Star Wars Episode VII einen anspruchsvollen Film machen wollte und seine oder ihre Stimme wurde nur nicht erhört.

Doch macht ein Film wie »Blade Runner 2049« Hoffnung und stimmt mich zuversichtlich, dass es auch in einer immer weiter kapitalisierten Zukunft finanzielles und menschliches Kapital für Großproduktionen mit Anspruch geben wird. Viel Spaß im Kino!

Release (Deutschland) 5. Oktober 2017

Trailer (ENG) zu »Blade Runner 2049«

Trailer (DEU) zu »Blade Runner«

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Trailer (DEU) zu »Blade Runner«

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